28.11.2020

Ist das Ökostrom aus meiner Steckdose?

Angenommen Sie beziehen von ihrem Elektrizitätswerk Ökostrom – zumindest steht das so auf der Rechnung, und deshalb ist der Betrag auch ein wenig höher. Kommt nun aus Ihrer Steckdose wirklich Ökostrom?

Physikalisch gesehen vermutlich nicht. Die Steckdose hängt an einem riesigen und stark verästelten Netzwerk von Stromleitungen, das sich über ganz Europa erstreckt. In diesem Netz sind sämtliche Stromproduzenten und Konsumenten physikalisch miteinander verbunden. Um maximale Versorgungssicherheit zu gewährleisten gibt es viele Redundanzen. Wird ein Abschnitt z.B. von einem umgestürzten Baum unterbrochen, kann dieser einfach umgangen werden. Es gibt also viele Wege wie die Energie vom Produzenten zum Konsumenten gelangen kann. In diesem Netz nimmt der Strom stets den Weg des geringsten Widerstandes, ganz nach den elektrischen Gesetzmässigkeiten. Deshalb kommt der Strom an der eigenen Steckdose wahrscheinlich vom räumlich nächstgelegenen Kraftwerk.

Das ist aber Beschiss!!
Nein, denn es kommt nicht darauf an wie der Strom fliesst, sondern wie er produziert wird. Zuerst etwas mehr Hintergrund… Strom hat die spezielle Eigenschaft, dass er im Verteilnetz nicht gespeichert werden kann. Sobald ein Verbraucher eingeschaltet wird und Energie aus dem Netz bezieht, sei es nun eine Nachttischlampe oder ein grosser Verdichter, muss die exakt gleiche Energiemenge an einer anderen Stelle eingespeist werden. Die Bilanz im Stromnetz muss in jedem Moment auf gehen. Darüber hinaus müssen alle Verbraucher und Produzenten im gesamten Netz synchron auf der Netzfrequenz von 50 Hz laufen. Sind die Abweichungen zu gross bricht die Versorgung zusammen. Die Netzbetreiberin (in der Schweiz Swissgrid) sorgt dafür, dass dies nicht passiert. Klingt nach einer grossen Aufgabe? Ist es auch!

Das Stromnetz ist aber nicht nur eine Verteileinrichtung, sondern auch ein Markt. Wer wann wieviel Strom benötigt und wer wann wieviel Strom produziert wird vorab ausgehandelt. Es gibt einen langfristigen Markt, an dem Jahre oder Wochen voraus Energiekontingente gehandelt werden. Im kurzfristigen Markt (Day-Ahead) wird die Produktion des nächsten Tages ausgehandelt. Dazu machen Verbraucher bzw. Elektrizitätswerke möglichst genaue Prognosen zu welcher Tageszeit wieviel Energie benötigt wird. Sie greifen dafür auf Erfahrungswerte und Vorhersagemodelle zurück. Die Produzenten machen ebenfalls Prognosen, wann sie wieviel zu welchem Preis produzieren können. Der Abgleich von effektivem Bedarf und Produktion erfolgt am Tagesmarkt (Intra-Day), und wird im Stunden- bis Viertelstundentakt ausgehandelt. Um den Feinabgleich innert Sekundenbruchteilen kümmert sich die Netzbetreiberin. Indem man bei seinem Elektrizitätswerk Ökostrom kauft, beauftragt man es, für den eigenen Bedarf am Strommarkt Ökostrom einzukaufen.

Und wie weiss ich, dass mein Stromanbieter dies wirklich macht?
Wissen können Sie dies nicht, aber Sie können darauf vertrauen, wenn Ihr Anbieter mit einem Label (z.B. naturemade) zertifiziert ist. Ökologisch produzierter Strom wird im Moment der Einspeisung mit einem Herkunftsnachweis versehen. Dieser wird von Ihrem Stromanbieter gekauft und entwertet. Akkreditierte Prüfstellen passen auf, dass dies mit rechten Dingen zu geht, dass keine falschen Zertifikate ausgestellt werden und dass sie nicht doppelt verkauft werden. Bei vertrauenswürdigen Labels werden alle zertifizierten Produktionsanlagen jährlich von unabhängigen Auditoren überprüft. Dabei wird unter anderem sichergestellt, dass der Inhaber eines zertifizierten Kraftwerks nicht mehr Ökostrom verkauft hat, als seine Anlage im entsprechenden Jahr produziert hat. Auch Stromhändler dürfen nicht mehr Ökostrom verkaufen, als sie eingekauft haben. Per Gesetz sind sowieso alle Energieversorger verpflichtet, ihre Endkundinnen und Endkunden über den gelieferten Strommix zu informieren.

Angenommen Ihr Elektrizitätswerk hat ein Zertifikat, dann ist alles im Grünen. Ansonsten sind Sie vielleicht einem Scharlatan auf den Leim gegangen, und laden Ihr Handy in Wahrheit mit Graustrom.

 

Mehr Infos
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Beitrag von Markus Krütli, Kälteplaner bei Leplan AG